Kommentar: Der Ruf nach Agilität ist schick, organistische Entwicklung ist schicker

Von Knut Lünse, CTO bei der SAPHIR GmbH in München

IT-Abteilungen erinnern gerade in Großkonzernen bisweilen an den Schusterladen von um die Ecke: Seinem Inhaber eilt ja sprichwörtlich der Ruf voraus, dass es um seine Schuhe nicht zum Besten bestellt ist.

In den letzten Monaten fordern viel Experten mehr Agilität bei der Software-Entwicklung. Das ist nachvollziehbar, denn man hat mittlerweile allenthalben erkannt, dass sich Prozesse ständig ändern und es von daher keinen Sinn ergibt, sie fest in Paradigmen zu gießen.

Das zeigt sich augenfällig etwa in der Entwicklung, die die Pflichtenhefte genommen haben. Sie sind nur mehr ein grober Katalog von rotunterlegten Forderungen. Jedoch ohne Einzelheiten. Denn die probiert man mehr und mehr in kurzen Testzyklen.

So gesehen ergibt der Ruf nach mehr Agilität also durchaus Sinn. In der Praxis muss man jedoch gerade in Großkonzernen immer wieder erkennen, dass die Auseinandersetzung mit Scrum oder Extreme Programming letztlich gar nicht stattfindet, egal wie schick sie auch anmutet.

Stattdessen betrauen die Verantwortlichen sehr gerne einen Offshoring-Lieferant, weil man entschieden hat, dass dieses Vorgehen billiger ist.

Dieser benötigt aber ein detailliertes Pflichtenheft, da der wirtschaftliche Kontext meist nicht bekannt ist, geschweige denn Erfahrungen vorliegen, die die Ziele der Entwicklung abschätzbar machen. Was dann letztlich abgerechnet wird, bleibt leider oft unbeachtet und das Fußvolk wird sich hüten, gegen die Entscheidungen des Managements aufzubegehren, solange es nicht selbst fürchten muss, auf die Streichliste der Executive gesetzt zu werden.

Aber genau das belegt die Mutlosigkeit und die mangelnde Vision in den IT-Chefetagen, denn es ist nur ein Ausdruck der vorherrschenden Starre.

Im Grunde wäre es ohnehin besser, solche mechanistischen Ansätze mit starren hierarchischen Entscheidungsstrukturen zu Gunsten eines organistischen Vorgehens aufzugeben. Schließlich sorgte gerade das auch für die so oft geforderte Agilität.

Für die Software-Entwicklung heißt das, dass sie in einem ganz anderen Rahmen stattfinden muss:

So müssen die Verfahren und Werkzeuge zur Definition von Funktionalitäten auf einer höheren Ebene der Abstraktion von IT-Technik arbeiten. Stichworte: Modelling Driven Architecture oder Enterprise Engineering.

Außerdem müssen sich Anwendungen aus Bausteinen zusammensetzen lassen – am besten von den Fachabteilungen selbst. Sie bekommen Dienste, die man flexibel miteinander verbindet und bei Bedarf auch wieder entkoppelt.

Ein Rollen- und Rechtekonzept setzt dabei den Rahmen, der vorgibt, was die Mittarbeiter tun dürfen und was nicht. Den Zugriff auf das Dienste-Framework ermöglicht man über Portale.

Sicher, auch dabei wird es immer wieder dazukommen, dass Prozesse neu zu modellieren und natürlich auch neue Bausteine bereitzustellen sind: Und genau das ist und muss die neue Rolle der IT sein.

Über kurz oder lang wird sich die Software-Entwicklung also selber abschaffen oder besser in einen neuen Zustand transformieren müssen. Über ihre Zukunft braucht sie sich aber trotzdem keine Gedanken zu machen.

Noch wirken hier die initialen Kosten hemmend. Und so wird man in vielen Konzernen vorerst alle Anbieter, die ähnliche Modelle propagieren, etwas kritisch beäugen. Vielleicht wird man sogar lieber weiter die eine oder andere Telefonnummer in Indien wählen.

Jedoch wird der Groschen spätestens dann fallen, wenn man begreift, wie sehr man sich mit wertlosem Offshoring arm spart und dass jede Investition im Lichte ihres Ertrages zu bewerten ist.


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2 Antworten zu Kommentar: Der Ruf nach Agilität ist schick, organistische Entwicklung ist schicker

  1. Rolf Neumann schreibt:

    Die Tatsache, dass unentwegt neue Methoden und Prozesse mit sophisticated klingenden Bezeichnungen erfunden werden müssen, ohne dass sich grundlegend an der Situation etwas ändert, sollte eigentlich zum Nachdenken anregen.

    Meistens reicht es völlig, ein paar richtig gute Entwickler anzuheuern, die genau wissen, was sie tun.

  2. asprms schreibt:

    Und welche Fähig- und Fertigkeiten müssten Ihrer Meinung nach diese Entwickler denn mitbringen? Für Herrn Lünse geht es meinem Verständnis nach vor allen Dingen darum, dass man eher weg davon kommt, Code zu implementieren und mehr dazu übergeht, Software als Summe von Bausteinen zu denken, die mehr oder weniger jeder zusammensetzen kann. Halten Sie das für utopisch?

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